Silberreiher als Wintergäste

Silberreiher

Durch ihre schneeweiße Farbe fallen die knapp einen Meter langen, eleganten Schreitvögel, deren Flügelspannweite bis zu 170 Zentimeter betragen kann, auch „Nicht-Vogelkundlern“ sofort ins Auge. Wer die Tiere gerne mal in freier Wildbahn beobachten möchte, hat aktuell die Chance hierzu und dies quasi direkt vor der Haustür.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Silberreiher vom Menschen beinahe ausgerottet, da sich seine verlängerten und fein aufgefiederten Schmuckfedern großer Beliebtheit in der damaligen Modewelt erfreuten.

Rettung in letzter Minute

Nur um Haaresbreite konnte sein Aussterben durch Jagdverbote und vor allem durch Unterschutzstellung der wenigen verbliebenen Brutkolonien verhindert werden. Zwischenzeitlich, im Laufe der letzten Jahrzehnte, haben sich die Bestände gut erholt und zunehmend mehr Tiere halten sich während der Wintermonate in unserer Region auf. Die erste, vom NABU dokumentierte Silberreiher-Sichtung erfolgte am 6. Januar 2000 zwischen Wasserstetten und Buttenhausen. In den darauffolgenden Jahren gingen beim Reutlinger Nabu-Mitglied Hans-Martin Koch insgesamt 267 Silberreihermeldungen ein; zumeist handelte es sich hierbei nur um einzelne Tiere oder kleine Gruppen. Am 28. Januar 2006 jedoch, ebenfalls in der Nähe von Buttenhausen, fiel eine Gruppe von 14 Vögeln ein und verweilte zwei Tage lang auf den Lauterwiesen.

Echte Nomaden

Das enorme Verbreitungsgebiet des Silberreihers erstreckt sich, so im Internet nachzulesen, auf sämtliche Erdteile, mit Ausnahme der Antarktis. Die im Lautertal überwinternden Individuen leben während ihrer Brutsaison vermutlich am Plattensee oder am Neusiedler See. Dort ziehen die Silberreiherpaare, welche sich nur für jeweils eine Saison zusammentun – Ornithologen bezeichnen dieses Verhalten als „monogame Saisonehe“ – in zum Teil mehrere hundert Tiere umfassenden Brutkolonien ihren Nachwuchs auf. Nach rund 40 Tagen sind die jungen Reiher flügge und verlassen ihre Kinderstuben. Im Herbst schließlich, der Nachwuchs ist längst selbständig geworden, wandert die überwiegende Anzahl der wegen diesem Verhalten „Teilzieher“ genannten, ausgewachsenen Tiere aus den jeweiligen Brutgebieten ab und macht sich auf in Richtung West-, Süd- und Mitteleuropa, wo sie bis Februar, zuweilen auch März, verbleiben. Bislang ist das genaue Zugverhalten nicht vollständig erforscht. Fest steht jedoch, dass die Anzahl der weißen Überwinterungsgäste in Süddeutschland beständig zunimmt. Einige Ornithologen vermuten, dass der Hauptgrund für das vermehrte Auftauchen in unseren Breiten die Zunahme von Brutpaaren in den weiter nördlichen und kontinentalen Gebieten Osteuropas liegen dürfte. Dort ist es zwar im Sommer warm, im Winter jedoch so kalt, dass die „Flüchtlinge“ lieber im vergleichsweise warmen Deutschland mit wenig Schnee und besseren Chancen auf eisfreie Gewässer überwintern. Finden sie in besonders harten Wintern auch bei uns keine Nahrung mehr, so fliegen sie weiter in Richtung Süden. Bruten in Deutschland, dies sei vielleicht noch ergänzend hinzugefügt, wurden bislang noch nicht zweifelsfrei dokumentiert; Biologen rechnen jedoch damit, dass sich in den kommenden Jahrzehnten auch Brutpaare an deutschen Gewässern einfinden werden.

Fleißiger Mäusefänger

Bekanntlich leben Reiher hauptsächlich vom Fischfang. Die Vögel staksen gemächlich durchs Wasser, wenn sie sich auf der Suche nach Fischen oder Amphibien befinden. Oftmals sieht man sie auch völlig reglos in ihrer typisch starren Lauerstellung im eiskalten Wasser stehen. Hat ein Reiher lange erfolglos auf Beute gewartet, was in der relativ fischarmen Lauter häufig der Fall ist, so fliegt er schließlich auf und sucht sich eine andere, mehr Erfolg versprechende Stelle. Doch während der kräftezehrenden Wintermonate reicht die karge Fischkost beileibe nicht aus, um einen Reiher zu ernähren und so begeben sich die anpassungsfähigen Tiere im Winter häufig auf Wiesenflächen und fangen Mäuse. In der kalten Jahreszeit wird schätzungsweise die Hälfte des Nahrungsbedarfs durch das „Mausen“ gedeckt; eine Nahrungsstrategie, die sich auch ihre „Vettern“, die Graureiher, zu eigen gemacht haben.

Fotoscheues Federvieh!

Die Fotografie von Silberreihern aus der Nähe verlangt Naturfotografen eine Menge Geduld oder eine sehr gute Tarnung ab. Im Gegensatz zu den nicht sehr scheuen Graureihern, mit denen sich die weißen Wintergäste übrigens gerne vergesellschaften, verfügt der Silberreiher über eine gewisse Schläue und Hartnäckigkeit, Fotografen zu entgehen. Mit einem Vogel, der sich letzten Winter für mehrere Wochen am Gomadinger Ortsausgang einer Schar Enten und einem Graureiherpaar angeschlossen hatte, lieferte ich mir stundenlange Versteckspiele. Kaum hatte ich mich um das dichte Gebüsch, hinter der sich Herr (oder Frau?) Reiher zu verbergen pflegte, herumgeschlichen, so schritt das schlaue Tier in aller Seelenruhe um das Strauchwerk herum, sodaß meine fotografische Sicht erneut versperrt war. Nach unzähligen Umrundungen und patschnassen Füßen gab ich schließlich entnervt auf – eins zu null für den Reiher. Befinden sich die Tiere jedoch nicht am Boden, sondern ruhen (bzw. sonnenbaden) auf ihren Sitzbäumen, so lassen sich sich ausgesprochen gut und aus der Nähe beobachten. In luftiger Höhe scheinen sie sich sicher zu fühlen. Und sollte man einmal das Glück gehabt haben, frühmorgens im nebelverhangenen Lautertal eines dieser engelsgleichen Wesen mit gemächlichem Flügelschlag aus dem Wasser in Richtung Sonne auffliegen zu sehen, so wird man dieses erhebende Erlebnis sicher noch lange im Herzen tragen.

Text & Fotografie: Eva-Maria Pulvermüller

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