Ortsportrait Offenhausen

Offenhausen

Von lustigen Nonnen und edlen Pferden

Am Quelltopf der großen Lauter, keine drei Kilometer von Gomadingen entfernt, liegt der Gomadinger Teilort Offenhausen. Eigentlich nicht mehr als ein paar Häuser an der Landstraße in Richtung Reutlingen, doch auf der linken Seite von Gomadingen aus kommend, schmiegt sich das ehemalige Klostergelände von Offenhausen in die markante Karstlandschaft. Im Eingangsbereich thront die ehemalige Klosterkirche mit einer gewissen majestätischen Arroganz – fast so als wollte sie sagen: Ich habe hier schon viele kommen und gehen sehen. Zu Recht.

Das Dorf Offenhausen wurde erstmals im Jahr 1161 erwähnt; es war zu diesem Zeitpunkt eigenständige Pfarrei mit einer Pfarrkirche. Die Geschichte beginnt aber wohl schon viel früher, Funde aus der älteren Eisenzeit von etwa 800 bis 475 v. Chr. Zeit in der Region bezeugen, dass die Gegend seit jeher besiedelt war. Die Gründung von Offfenhausen erfolgte vermutlich in alemannischer Zeit, Historiker ziehen hier die Endung „Hausen“ im Ortsnamen als Indiz heran – eine typische Namensgebung aus dieser Zeit.

Der Tübinger Historiker Martin Crusius (1526 bis 1607) erzählt in seiner schwäbischen Chronik eine Art Offenhausener Gründungssage, die bis heute aber nicht verifiziert werden konnte: Ein nicht näher benannter „Landvogt“ – man nimmt an, dass dieser auf dem Runden Berg bei Urach residierte – „…nahm es sehr wunder, daß niemand an der Lauter wegen der rauhen und kalten Gegend etwas aufrichten wollte…“. Er ergriff diverse Maßnahmen, um das Volk herbeizulocken und „dieser Ursach halben wurde dem Flecken der Name Offenhausen gegeben, weil jedermann offenen Paß dazu hatte und darinnen wohnen durfte, wenn er nur Lust bezeugte…“ So nahmen sich also vermutlich Menschen aus den umliegenden Dörfern des engen Tals an. Die erste urkundliche Erwähnung Offenhausens erfolgte anno 1137/38 in der Chronik des Zwiefalter Mönches Berthold.

Im Jahre 1258 schenkten die Herren von Lupfen dem Frauenkloster in Kenhausen bei Spaichingen ihren Besitz in Offenhausen. Diese frommen Frauen aus Kenhausen übersiedelten daraufhin nach Offenhausen und gründeten dort ein Kloster. Es ist nicht bekannt welchem Orden der Konvent von Kenhausen ursprünglich angehörte. Tatsache ist aber, dass Offenhausen 1278 in den Dominikanerorden aufgenommen wurde und den Namen Maria Gnadenzell erhielt. Um 1330 wurde dann die Klosterkirche St. Maria Gnadenzell erbaut. Das Kloster erlangte im Laufe der Zeit einen gewissen Wohlstand, die Frauen kamen meist aus adligen und vermögenden bürgerlichen Familien der Umgebung. Mit Eintritt ins Kloster unterwarfen sich Frauen damals einer strengen Klausur und lebten in Bescheidenheit hinter den Klostermauern. Ihr Tagesablauf war genau geregelt und durch die gemeinsamen Gebete im Konvent bestimmt. Für die Seelsorge der Schwestern in Offenhausen wurde ein Kaplan vom übergeordneten Dominikanerorden aus Esslingen auf die Alb gesandt, im 15. Jahrhundert wurde ihm ein Beichtvater zur Seite gestellt. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts traten an die Stelle der Gründerfamilie die Grafen von Württemberg als neue Schutzherren.

Frivole Histörchen

Bis heute kursieren viele Gerüchte und anrüchige Geschichten über die Nonnen von Offenhausen, die so gottesfürchtig gar nicht gewesen sein sollen. Fakt ist, dass viele junge Frauen und Mädchen damals von ihren Familien gegen ihren Willen ins Kloster abgeschoben wurden. Und viele der unfreiwilligen Nonnen versuchten hinter den hohen Klostermauern trotzdem weltlichen Genüssen zu frönen. So erzählt man sich bis heute hinter vorgehaltener Hand Geschichten von fröhlichen Trinkgelagen und Festen in Offenhausen. Ansehnliche Jünglinge aus der Umgebung sollen über einen Geheimgang ins Kloster herein geschmuggelt worden sein und sogar der junge Graf Eberhard im Bart (1445 bis 1496) soll mal mitgefeiert haben. Was an diesen frivolen Histörchen wirklich dran ist beziehungsweise war, wird wohl im Dunklen der Geschichte verborgen bleiben.

Von Maultieren zu edlen Rössern

Während der Reformation hob das Königreich Württemberg das Kloster im 16. Jahrhundert auf. Die letzte Nonne starb 1613. Das Kloster wurde bereits Ende des 16. Jahrhunderts in ein herzogliches Gestüt zur Zucht von Pferden und Maultieren umgewandelt. Um 1600 gab es auch eine Großschäferei. Um 1760 unter der Regentschaft des Herzogs Carl Eugen blühte die Maultierzucht besonders auf: Bis zu 36 Mutterstuten standen damals in Offenhausen. Später ging das Gestüt im Haupt- und Landgestüt Marbach auf, nach Offenhausen wurden wegen der saftigen Weiden zunächst die Stutenfohlen geschickt. Bis heute spielen die Pferde in Offenhausen die Hauptrolle. So ist in der Anlage auch die EU-Besamungs- und Embryotransferstation des Gestüts beheimatet, von dort werden die wertvollen Keimzellen tiefgefroren per Kurier in die ganze Welt verschickt. Die Lauter entspringt gleich hinter dem heutigen Gestütshof im ehemaligen Klostergarten. Rund 200 Liter sprudeln pro Sekunde in den idyllisch gelegenen, glasklaren Quelltopf. Das 8 Grad kalte Wasser stammt aus einem Einzugsgebiet von etwa 15 Quadratkilometern. Die Stärke der Quelle trieb früher gleich die benachbarte Mühle an.

Heute wohnen 160 Menschen in Offenhausen, die meisten haben mit dem Gestüt nichts mehr zu tun. Früher war es ein Privileg der Gestütsmitarbeiter in der Nähe zu bauen. Die noch heute erhaltene spätgotische Klosterkirche, die im 19. Jahrhundert zum Strohmagazin umfunktioniert wurde, beheimatet das Gestütsmuseum und zeigt auf zwei Ebenen Exponate zur Geschichte der Pferdezucht, erzählt aber auch von der klösterlichen Vergangenheit. Der Museumsverein lädt zwei Mal im Jahr zu Kunstausstellungen und Konzerten. Ein mal im Jahr findet ein ökumenischer Gottesdienst in der Klosterkirche statt. 2013 wurde dabei nach über 200 Jahren auch wieder ein Kind getauft – und da mag sich sogar vielleicht das alte Gemäuer gewundert haben…

Information:
Literatur: „Offenhausen am Ursprung der Großen Lauter und seine wechselvolle Geschichte“, von Christa Vöhringer-Glück und Emil Glück (2011)

„Gestütsmuseum Offenhausen“ von Wolfgang Cranz und Rudolf Bütterlin (1999).
www.gomadingen.de

Text: Kerstin Dannath
Fotografie: Patricia Kozjek

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