Kartoffelkuchen aus Hülben

Zuerst wird gründlich „ausgehudelt“

Der Hüle-Hock in Hülben ohne Kartoffelkuchen ist undenkbar. Verantwortlich für die leckeren Fladen frisch aus dem Backhaus ist seit vielen Jahren der Gesangsverein Hülben. „Das ist ein altes Hülbener Rezept“, bestätigt Vorstand Martina Heydemann, „Gebacken wird immer von den Frauen der Ton Art und dem gemischten Chor. Es ist immer sehr anstrengend aber wir haben auch viel Spaß.“

Sechs- bis achthundert Kartoffelkuchen gehen bei einem Hüle-Hock durchschnittlich über den Tresen. Und es steckt viel Arbeit dahinter. Bereits Tags zuvor treffen sich rund zehn Frauen zum Kartoffeln schälen.
„Mehlig kochende Kartoffeln sollten es sein, das ist ganz wichtig“, so Martina Heydemann. Die geschälten Erdäpfel werden in großen Einmachtöpfen gekocht und dann durch eine Spätzlespresse gedrückt, da ist viel Muskelkraft gefragt. „Eine Heidenarbeit“, bestätigt die Hülbenerin. Danach muss der Teig kühl gelagert werden, damit er bis zum nächsten Tag nicht kippt. Am Festtag treffen sich die Leute vom Gesangsverein schon früh am Backhaus. Zwei Männer heizen kräftig ein, wenn die Glut weiß ist, hat der Ofen die richtige Temperatur erreicht.
„Dann muss der Ofen erstmal ‚ausgehudelt‘ werden“, sagt Martina Heydemann. Für Nichtschwaben: Der Ofen wird komplett ausgewischt – alle Aschereste müssen beseitigt werden. Das muss aber flott gehen, damit der Ofen nicht wieder zu sehr erkaltet. Dann kommt ein alter Trick: Eine Handvoll Mehl wird in den Ofen gestreut und an der Zeit, die es benötigt um dunkel
zu werden, können die kundigen Backfrauen ablesen, ob der Ofen die optimale Temperatur erreicht hat. „Das ist eine Wissenschaft für sich“, bestätigt Martina Heydemann, „Die älteren Frauen können es am besten, deshalb ist auch so wichtig, dass sie ihr Wissen weiter geben.“ Die Fladen, mittlerweile angereichert mit Mehl und flüssiger Butter, werden zeitgleich ausgewellt, kommen in den Ofen. Danach werden sie mit Butter, Salz und Kümmel bestrichen und warm verkauft. Meist sind die Fladen ruckzuck unter die Leute gebracht, es sollen sogar schon Auswärtige gesehen worden sein, die nur wegen dem Kartoffelkuchen zum Hüle-Hock kommen…
„Kartoffelkuchen gehört zu Hülben dazu“, sagt Martina Heydemann. Und die gewitzten Hülbener Hausfrauen schlugen mit der leckeren Köstlichkeit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: „Erstmal wurden so die restlichen Kartoffeln verbraucht und zweitens konnten die Frauen so sehen, ob der Ofen im Backhaus die richtige Temperatur hatte“, so die 47-Jährige, die auch selbst darauf bedacht ist, dass die alte Tradition nicht in Vergessenheit gerät: „Wenn ich im Backhaus backe, mache ich auch immer Kartoffelkuchen.“

Text: Kerstin Dannath

Beitrag im Reutlinger Generalanzeiger

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