Die Marienkirche von Upfingen

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Ein Gotteshaus mitten im Leben

Ehrwürdig steht sie da, ihren Turm sieht man schon von Weitem – die für eine kleine Gemeinde wie den 930-Seelen-Ort St. Johann-Upfingen ungewöhnlich monumentale Marienkirche verdankt ihre überregionale Bekanntheit insbesondere den fein gestalteten Fresken aus der Schule des Malers und Kupferstechers Martin Schongauer (1435 – 1491).

Aber auch im Dorf spielt die Kirche bis heute eine zentrale Rolle, und das nicht nur wegen ihrer Lage.

Umgeben ist die Marienkirche vom liebevoll gepflegten Kirchgarten, in dem die Vögel munter zwitschern – sogar Schleiereulen wurden hier schon gesichtet – und dem 1982 eingeweihten neuen Backhaus mit dem davor liegenden Dorfplatz. Dort wird alljährlich am 1. Mai der Maibaum und in der Adventszeit der große Weihnachtsbaum feierlich aufgestellt. Der benachbarte Dorfbrunnen plätschert fröhlich und alle zwei Jahre wird an selber Stelle der bekannte Dorfhock gefeiert und von nah und fern kommen alle Leute, die ihre Wurzeln in Upfingen haben.

Die Marienkirche wurde im Jahr 1448 erbaut. Vor dem Bau waren die Upfinger in St. Georg in Gächingen eingepfarrt. Alle kirchlichen Handlungen wurden dort vollzogen, auch die Toten von Upfingen wurden in Gächingen beerdigt. Den alten Kirchweg über den Kirchberg nach Gächingen gibt es noch heute, allerdings wesentlich schmäler als früher. Denn nach altem Gesetz musste der Weg zur Kirche so breit sein, dass ein Hochzeitszug und ein Leichenzug aneinander vorbeikamen. Der Weg war weit und im Winter beschwerlich, insofern lag der Wunsch für die Upfinger nahe, ein eigenes Gotteshaus zu bekommen. Bevor man eine eigene Kirche bauen konnte, musste aber die Finanzierung gesichert sein. Die Upfinger bewiesen dabei viel Geschick und hatten zusätzlich die Unterstützung des Grafen von Urach, ohne den der Bau der prächtigen Kirche nicht möglich gewesen wäre – damals lebten nicht mehr als 100 bis 150 Menschen in Upfingen.

Unbekannter Baumeister

Der Grundstein rechts oberhalb des Südportals besagt, dass der Bau 1448 abgeschlossen wurde. Aus der Bauzeit ist kein Bericht mehr vorhanden, allerdings ist anzunehmen, dass derselbe Baumeister tätig war, der auch die Kirche in Trochtelfingen erbaut hat. Darauf weist die dortige Inschriftentafel hin, auch findet man in der 1551 erbauten Trochtelfinger Kirche die gleichen Steinmetzzeichen wie in Upfingen. Selbige „Unterschriften“ der Handwerker sind ebenso unter anderem in der Stuttgarter Stiftskirche, in der Nürtinger Kirche und im Gotteshaus von Dettingen/Teck nachzuweisen. Auch wann genau die Kirchweihe stattgefunden hat, ist nicht mehr nachvollziehbar. Aufgrund der Größe des Bauwerks muss man sich die Feier als eindrucksvolle Zeremonie, wie in der katholischen Kirche üblich, mit vielen geistlichen und weltlichen Würdenträgern vorstellen. Der Name des ersten Pfarrers hingegen ist bekannt: Er hieß Heinrich Diel, dem Graf Ludwig von Württemberg am 4. Juli 1449 den Bewilligungsbrief ausstellte.

Schon die Größe und Anlage der Upfinger Kirche geht weit über eine normale Dorfkirche hinaus und schürte auch den Neid in den umliegenden Dörfern. Bis heute kursiert die Sage, dass die Upfinger das Baumaterial, das die Gächinger auf dem Kirchberg zum Bau einer großen Kirche bereit gelegt hätten, dort einfach des nachts geklaut und zum Bau der Marienkirche verwendet hätten. Im Volksmund werden die Upfinger bis heute von den Gächingern als „Kirchenstehler“ bezeichnet. Historisch belegt ist das nicht.

Die Monumentalität des Upfinger Bauwerks lässt sich vielmehr auf die Tatsache zurückführen, dass die Marienkirche auch als Wallfahrtsort geplant wurde. Graf Ludwig der Jüngere, er regierte von 1450 bis 1457, litt an der sogenannten Fallsucht (Epilepsie) und bekam allerlei bußfertige Handlungen auferlegt. In der „Geschichte des Herzogthums Württemberg“ aus dem Jahr 1775 heißt es hierzu: „.. sin Gnad sol auch unser lieben frowen gen Upfingen sin Leptag all Jar ein opfer bringen …“. Damit ist belegt, dass die Upfinger Kirche der Maria geweiht war und dass der Graf sie zur Verehrung der Muttergottes besuchen sollte. Auch von der Akustik her ist dem Bauwerk bis heute anzumerken, dass sie eigentlich nicht für das Predigen, sondern für das Singen und die Musik gemacht wurde. Ein Umstand, der dazu führte, dass das Upfinger Gotteshaus in der jüngeren Vergangenheit für viele Ton- und Schallplattenaufnahmen genutzt wurde.

Neben den vielen Fresken ist der Heilige Christopherus an der Südwand der Kirche zu erwähnen. Das Gemälde eines unbekannten Meisters wurde im Herbst 1928 wiederentdeckt und stammt wohl aus dem 15. Jahrhundert. Die Verehrung des Heiligen kam im 6. Jahrhundert auf und nahm in der Zeit der Kreuzzüge stark zu. Er gehört zu den 14 Nothelfern. Wie auch in Upfingen wird der Heilige Christopherus immer als 14 Schuh (4,20 Meter) großer Mann dargestellt. Das Bild ist gegenüber der Nordtüre angebracht, so dass der erste Blick des Gläubigen, der die Marienkirche betritt, darauf fällt.

Beim Dorfbrand bleibt die Kirche stehen

Im Zuge der Reformation wurde die Marien­kirche evangelisch. Eine Aufstellung aus dem Jahr 1534 besagt, dass der Geistliche von Upfingen, Martin Linder, zu dem neuen Glauben übergetreten war. Die Zeit des 30-jährigen Krieges (1618 bis 1648) beutelte Gemeinde und Kirche schwer – der Kirche wurden die alten Glocken und die Glasfenster geraubt, der Ort schrumpfte zahlenmäßig von 204 (1617) auf 57 (1643) Einwohner. Beim großen Dorfbrand 1692 brannte, bis auf 6 Wohnhäuser und die Marienkirche, ganz Upfingen ab. Geprägt war das kirchlich-religiöse Leben in der Folge von der bäuerlichen Bevölkerung. Als im dritten Reich (1933 – 1945) die Kirche gleichgeschaltet werden sollte, fand man die Bevölkerung fast geschlossen auf Seite der Kirche. Die Nationalsozialisten langten praktisch in ein Wespennest. Nach dem Krieg ging es an den Wiederaufbau. Unter den erschütternden Eindrücken des zweiten Weltkrieges fanden viele den Weg in die Kirche.

Zuletzt wurde die Marienkirche 1992 renoviert, Besuchern steht sie – ob zum stillen Gebet oder zur Besichtigung – täglich offen. Mit ihren rund 350 Sitzplätzen ist die Kirche immer noch groß für das kleine Dorf: Groß, aber nicht zu groß – an Festtagen ist sie bis auf den letzten Platz gefüllt, denn die Upfinger wissen, was sie an ihrem Gotteshaus, das seit nunmehr 565 Jahren mitten im Ort thront, haben.

Text: Kerstin Dannath

Dank gebührt Pfarrer i. R. Johannes Wagner, der von 1969 bis 1974 in Upfingen tätig war und sich als unerschöpflicher Quell historischer Details über Kirche, Land und Leute erwies.

 

 

 

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